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Konferenz "Privatheit und Demokratie" (Frankfurt)

22.09.2016

Die Konferenz ist Teil des von der Volkswagenstiftung geförderten Projektes "Strukturwandel des Privaten". Ziel ist es, mit Informatik, Politik-, Rechts- und Medienwissenschaft vier zentrale Disziplinen zusammenzuführen, die mit der Reflexion um Bedeutung, Wert und Grenzen des Privaten befasst sind. Auf der Konferenz werden die vier Themenschwerpunkte Transparenz und Demokratie, Ökonomie der Privatheit in der Informationsgesellschaft, Das Private im Wandel von Staatlichkeit und “Privacy Literacy“: Privatheitsschutz zwischen Selbstverantwortung und Paternalismus behandelt.

Zeit:     21.-23. Sept. 2016
Ort:      Goethe-Universität Frankfurt a.M.

Anmeldungen bis zum 1.9. 2016 an sekretariat.seubert(at)soz.uni-frankfurt.de

Themenschwerpunkte und weitere Gäste:

I. Transparenz und Demokratie
Transparenz politischer Entscheidungen und die öffentliche Kontrolle staatlicher Akteure sind konstitutiv für eine Demokratie. Insbesondere mit den Stichworten „Open Data / Open Government“ oder „liquid democracy“ verbindet sich die Annahme und Forderung, dass Regierungshandeln effizienter und demokratischer gestaltet werden kann, wenn es transparenter wird. Doch was bedeutet der Transparenzbegriff im politischen Kontext eigentlich genau und wo sind seine Grenzen? Sind alle Transparenzforderungen tatsächlich berechtigt, durchsetzbar (rechtlich, informationell) und auch förderlich für die demokratische Praxis? Wo erweisen sich Transparenzforderungen auf zivilgesellschaftlicher wie staatlicher Seite gar als hinderlich für gelingende demokratische Selbstbestimmung? Inwieweit sehen demokratische Rechtssysteme den Einblick der Bürger/innen politische Entscheidungsprozesse vor und wo erweist sich andererseits die öffentliche Durchleuchtung politischer Akteure und Prozesse als problematisch, weil darunter die Eigenständigkeit und Rationalität demokratischer Urteilsfindung leidet?

Mit: Christoph Gusy (Bielefeld), Gerhard Vowe (Düsseldorf), Katharina Zweig (Kaiserslautern), Nils Zurawski (Bremen)

II. Ökonomie der Privatheit in der Informationsgesellschaft
Angesichts des NSA-Skandals wird die Durchdringung von politischen Sicherheitsinteressen und ökonomischen Verwertungsinteressen heute offenkundiger denn je. Dies gibt Anlass dazu, Privatheit auch aus der kritischen Perspektive ihrer Vermarktung in den Blick zu nehmen. Mit diesem Blickwinkel bildet Panel II den Gegenpol zum ersten Panel, denn hier stehen nicht die möglichen Folgen des Verlustes von Privatheit durch staatliche wie zivilgesellschaftliche Transparenzforderungen, sondern die möglichen Folgen des Aufdeckens von Privatem im Fokus, die sich primär aus dem Zusammenschluss von politischen und ökonomischen Interessen ergeben. Welche Bedrohung des Privaten geht von der ökonomischen Durchdringung privater Kommunikationspraktiken aus und wie lässt sich diese Bedrohung des Privaten fassen? Oftmals sind es die Bürger/Kunden selbst, die sich zur Freigabe ihrer Daten entscheiden. Wie werden private Daten kommodifiziert und welche Rolle spielen die Subjekte in diesem Verwertungsprozess? Was sind die ökonomischen und sozialen Mechanismen der massenhaften (freiwilligen) Aufgabe privater Daten (Privacy Paradox)? Welche Formen und Möglichkeiten des Widerstandes lassen sich in diesem Zusammenhang beobachten?

Mit: Tobias Dienlin (Hohenheim), Nicolaus Forgó (Hannover), Sebastian Sevignani (Jena), Tim Wambach (Koblenz)

III. Das Private im Wandel von Staatlichkeit
Die informationstechnischen Neuerungen des digitalen Zeitalters haben sowohl Utopien der Abschaffung von Beherrschung als auch Dystopien der Perfektionierung von Beherrschung hervorgebracht. Im Kontext einer sich (auch durch Digitalisierung) wandelnden Staatlichkeit, wird das Netzwerk zum neuen Organisationsprinzip erklärt, dessen horizontale und grenzüberschreitende Ausrichtung und „Schwarmintelligenz“ den territorial gebundenen und hierarchischen Alternativen von Staat und Markt vorzuziehen ist. Dabei verschwimmen nicht nur die Grenzen von (National)Staat, Markt und Zivilgesellschaft, sondern ebenso die Grenzen von politischem Handeln zwischen öffentlich und privat. Welche Herausforderungen ergeben sich für den Schutz der Privatheit unter den Bedingungen sich wandelnder Staatlichkeit? Inwiefern hängen Digitalisierung, neue „Sichtbarkeitsregime“, Überwachung und neoliberalen Formen des Regierens miteinander zusammen? Wie verhalten sich diese Zusammenhänge zu den normativen Anforderungen der Demokratie?

Mit: Rüdiger Grimm (Koblenz), Albert Ingold (Bielefeld/München), Jan-Hinrik Schmidt (Hamburg), Thorsten Thiel (Frankfurt/Trier)

IV. “Privacy Literacy“: Privatheitsschutz zwischen Selbstverantwortung und Paternalismus
Wer ist der zentrale Akteur für den Schutz des Privaten? Ist es der Staat, der seinen Bürger/innen (notfalls paternalistisch) Privatheit garantiert, oder sind es die Bürger, die sich gegen staatliche Zugriffe schützen müssen? Welche Rolle nehmen Gerichte und NGOs ein und welche Aufgabe kommt der Zivilgesellschaft zu? Muss Privatheit um der Demokratie willen mitunter auch gegen die Einsicht der Betroffenen geschützt werden („popular paternalism“) oder kann allein die politische Einsicht und Praxis der Bürger Abhilfe schaffen? Welches informatische Wissen ist für einen vertrauensvollen Umgang mit dem Internet förderlich? Wie lässt sich „privacy literacy“ vermitteln und wie kann die Wissensvermittlung mit dem technischen Fortschritt und der Ausdifferenzierung „privater Räume“ mithalten? Welche (neuen) Formen von Privatheit bilden sich im Zeitalter digitaler Vernetzung heraus und wer schützt welche privaten Räume wie? Wie lässt sich privacy literacy gleichberechtigt denken? Welche sozialen Gruppen sind dabei unterschiedlich gefährdet und stehen vor unterschiedlich hohen Anforderungen, wenn der Schutz der Privatheit den Bürgern überantwortet wird?

Mit: Johannes Caspar (Hamburg), Philipp Masur (Hohenheim), Melanie Volkamer (Karlstad/Schweden), Carsten Ochs (Kassel)

Weiterführende Informationen:

Veranstaltungswebsite
Programm

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