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Workshop "Rechnende Räume als verletzliche Erfahrungswelten"

04.07.2014

Das "Forum Privatheit und selbstbestimmtes Leben in der digitalen Welt" veranstaltet am 4. Juli 2014 einen Workshop zum Thema "Rechnende Räume als verletzliche Erfahrungswelten".

Bei Interesse an Programm und Teilnahmemöglichkeiten hier.

3./4. Juli 2014, Berlin, "dbb forum berlin"

Friedrichstraße 169/170, 10117 Berlin http://www.dbbforum.berlin/


Ein Großteil der Forschungen des letzten Jahrzehnts zum Thema der informationellen Privatheit hat sich mit der Nutzung Internet-basierter Anwendungen beschäftigt. So haben beispielsweise die Privatheitsimplikationen von Online Social Networks seit Beginn der 2000er Jahre nicht nur die Aufmerksamkeit der Disziplinen Anthropologie, Informatik, Philosophie, Psychologie, Rechtswissenschaften, Soziologie und Verhaltensökonomie erregt, sondern in den letzten Jahren auch maßgeblich den Diskurs zum Thema in der medial-vermittelten Öffentlichkeit angefeuert. 

Während diese Forschungsrichtung nach wie vor wichtig und relevant ist, muss jedoch davon ausgegangen werden, dass das zugrundeliegende soziotechnische Paradigma, wie es in der Nutzung stationärer vernetzter Endgeräte angelegt ist, bereits dabei ist, sich zu wandeln. Schon seit einer ganzen Weile ist eine zunehmende Verbreitung mobiler Rechentechnologie ( Smart Phones , Tablets ) beobachtbar, welche im physischen öffentlichen Raum nicht nur genutzt wird, sondern dort auch Daten über diesen Raum bzw. dort befindliche Personen und ihre Aktivitäten sammelt. Wearable Computing -Technologien und Produkte wie etwa Google Glass dürften diese Entwicklung hin zu einer Durchdringung des öffentlichen Raums mit „digitalen Beobachtern“ weiter radikalisieren. In eine ganz ähnliche Richtung weist die Verbreitung digitaler Sensortechnologien im öffentlichen Raum: das vernetzte Automobil, Smart Cities und das Internet der Dinge sind einige der Schlagworte für die Bezeichnung von sozialen Technologien, die geeignet sind, die Beobachtbarkeit alltäglicher Praktiken und Handlungen im öffentlichen und halböffentlichen Raum (etwa am Arbeitsplatz, im Auto usw.) weiter zu erhöhen. Gleichzeitig zeichnet sich ab, dass zukünftig mit dem Smart Home auch die „digitale Beobachtbarkeit“ in bzw. von bislang als privat konstruierten Räumen zunehmen wird: intelligente Feuermelder und Heizungsthermostate, Spielekonsolen und Fernseher, die Benutzer und Raum beobachten, sind in der jüngeren Vergangenheit genauso diskutiert worden, wie zuvor etwa intelligente Stromzähler. Und in naher Zukunft könnten in Mauerwerk oder Beton eingelassene miniaturisierte autonome Sensornetzwerke kontinuierlich bauphysikalische Zustände in Häusern ebenso wie giftige Stoffe in der Raumluft erfassen und bei Gefahr Warnsignale an Leitstände absetzen. Dabei ist das Erfassungsspektrum von Sensoren schier unbegrenzt, ihr  Einsatzspektrum folgt den Arbeitsschritten erkennen, erfassen, speichern, analysieren und weiterleiten / melden. 

Auf einen Nenner bringen lassen sich diese verschiedenen Entwicklungen unter der Überschrift der Rechnenden Räume. Der Begriff des Rechnenden Raums geht auf Konrad Zuse zurück, der damit in den 1960er Jahren der Idee zu Plausibilität zu verhelfen suchte, dass der Kosmos als solcher eine gigantische Rechenmaschine darstelle. Wir verfolgen demgegenüber weniger metaphysische Zielsetzungen. Vielmehr soll der ins Plural überführte Begriff darauf verweisen, dass die in der Frühphase des Cyberspace erfolgte Simulation von Raum auf den zweidimensionalen Oberflächen der Bildschirme zunehmend einem Ausgreifen in den physischen Raum selbst weicht. Der dahinterliegende Paradigmenwechsel transformiert auf spezifische Weise soziale Akteure, die bislang als mehr oder weniger bewusste, zumindest aber relativ aktive Nutzer/-innen agierten: „user“ werden gleichsam „mover“, d.h. Akteure die sich handelnd in Rechnenden Räumen bewegen und dabei, ob gewollt oder nicht, Daten erzeugen, aus denen Informationen generiert werden können. Erfahrung wird in solchen digitalisierten Welten insofern prekär, als diese neuen Formen der digitalen Kommunikation zwischen Komponenten der Infrastruktur unterhalb der Wahrnehmungsschwelle der sozialen Akteure verbleiben. Weitgehend unklar ist bislang, welche Implikationen sich daraus für soziotechnische Alltagspraktiken ergeben, welche räumlichen Formate entstehen, wie Räumlichkeit vor diesem Hintergrund transformiert wird – und welche Implikationen all dies für den sozialen Ordnungsmechanismus der Privatheit haben wird oder kann. Inwieweit diese Formen diskreter Überwachung und Datensammlung menschliches Verhalten und Handeln langfristig beeinflussen und welche Gestaltungsoptionen sich vor diesem Hintergrund ergeben. 

Im Rahmen des interdisziplinären Workshops werden diese Fragen behandelt. Um dies zu ermöglichen, bedarf es sowohl grundlagentheoretischer Beiträge zu den zentralen Konzepten Raum und Privatheit als auch der Auseinandersetzung mit beobachtbaren Phänomenen und Fallbeispielen.


Do., 3. Juli 2014: 

19.00 Uhr – 20.00 Uhr: Anreise und Get-Together 

20.00 Uhr: gemeinsames Abendessen   


Fr., 4. Juli 2014: 

8:30 Uhr – 9:00 Uhr: Ankommen & Kaffee

Fr., 4. Juli 2014,9:00 Uhr: Programm 

Begrüßung und Eröffnung 

 -        Peter Zoche M.A., Projektkoordination Forum Privatheit, Fraunhofer-                            Institut für System- und Innovationsforschung ISI, Karlsruhe 

-         Dr. Ulf Lange, Bundesministerium für Bildung und Forschung BMBF, Bonn   


Block I: Raumexpertise“ 

Wie konstruiert sich Räumlichkeit unter dem wachsenden Einfluss virtueller Kopplungen der physischen Welt neu? 

(Moderation: Prof. Dr. Regina Ammicht Quinn, Universität Tübingen) 

-         Digitale Texturen urbaner Räume  Prof. Dr. Gertraud Koch, Universität                  Hamburg 

 -         Denn sie wissen nicht - wo sie sind? Prekäre Codierungen                                      rechnender Räume  Dr. Carsten Ochs, Universität Kassel 


11:00 Uhr – 11:30 Uhr: Kaffeepause   


Block II: Privatheitsexpertise“ 

Welche Vorstellungen von Privatheit bilden sich unter diesen veränderten Bedingungen heraus? 

(Moderation: Prof. Dr. Jörn Lamla, Universität Kassel) 

-         Zum Grundrechtsschutz der Privatheit  Prof. Dr. Martin Nettesheim,                     Universität Tübingen   

-         Rechnende Räume als Herausforderung für Privatheitskontexte  Dr.                Tobias Matzner, Universität Tübingen / Doris Teutsch M.A. und Dr. Cornelia                Mothes, Universität Hohenheim) 

 

13:00 Uhr – 14:00 Uhr: Mittagspause


Block III: Gestaltungsexpertise Digitalisierung, Raum, Privatheit“ 

Welche juristischen und technischen Herausforderungen entstehen durch die zunehmende Verkopplung zwischen digitaler und physischer Welt bzw. den Trend der Verschmelzung der Grenzen zwischen öffentlichen und privaten Räumen? Welche Gestaltungsoptionen könnten hieraus erwachsen? 

Moderation: 

Prof. Dr. Alexander Roßnagel, Universität Kassel  

Prof. Dr. Michael Waidner, Fraunhofer SIT und Universität Darmstadt 

Einleitende Statements von 

-         Prof. Dr. Simone Fischer-Hübner, Uni Karlstad /Schweden 

-         Marit Hansen,  Unabhängiges Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-                  Holstein, Kiel 

-         Prof. Dr. Jörn Müller-Quade, KIT, Karlsruhe 

-         Prof. Dr. Indra Spiecker gen. Döhmann, Universität Frankfurt am Main 

-         Prof. Thomas Fetzer, Universität Mannheim 


15:30 Uhr – 16:30 Uhr:   

Abschlussdiskussion / Podiumsdiskussion  

Teilnehmer: Mitglieder des Forums-Privatheit              

Einleitendes Statement durch  

Prof. Dr. Alfred Büllesbach, Europäische Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz EAID, Berlin  

Prof. Dr. Nils Zurawski, Universität Hamburg  

Ab 16:30 Uhr: Get-Together bei Kaffee & Kuchen bzw. Abreise

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