Die Frist zur Einreichung ist am 4. Juli abgelaufen.

CfP: Aufwachsen und Lernen in überwachten Umgebungen

Datenschutz für Kinder, Lernende und in Bildungseinrichtungen

Digitale Technologien prägen zunehmend Kindheit und Jugend: von der Videoüberwachung im Säuglingsalter über den Lernroboter im Kindergarten bis hin zu den durch Künstliche Intelligenz gesteuerten Lernassistenten für den individuellen Bildungserfolg. Digitale Medien werden für Lernprozesse, die Wissensvermittlung und die Informationsbeschaffung genutzt und unter dem Schlagwort der Computer Literacy diskutiert. Sie sind Teil des (Schul-) Alltags von Heranwachsenden und bieten einerseits neue Formen der Teilhabe, aber andererseits auch der Überwachung durch kommerzielle Dienstleister und auch durch und von Schüler_innen, Lehrkräften und Eltern. Die Anwendungen, die insbesondere von Kindern und Jugendlichen genutzt werden, beschränken sich dabei nicht nur auf den formalen Bildungskontext, sondern halten auch Einzug in die Kinderzimmer auf Basis von informellen Lernumgebungen. Worüber jedoch wenig reflektiert wird, sind Privatheits-, Überwachungs- und Datenschutzfragen in diesem sensiblen und wichtigen gesellschaftlichen Bereich.

In den meisten dieser Anwendungen fallen Daten an, die viel über die Heranwachsenden aussagen. Bildung und Erziehung sind eine Kernaufgabe einer modernen Gesellschaft. Vor allem heranwachsende Menschen sollen nicht nur ausgebildet, sondern als (zukünftige) mündige Bürger_innen zur Teilhabe und gesellschaftlich verantwortlichen Selbstbestimmung in einer freien und demokratischen Gesellschaft befähigt werden.

Diesem Themenkomplex widmet sich die wissenschaftliche Jahreskonferenz 2019 „Aufwachsen und Lernen in überwachten Umgebungen“ des Forum Privatheit – selbstbestimmtes Leben in der digitalen Welt am 21. und 22. November 2019 in Berlin. Das Forum Privatheit lädt herzlich ein zum inter- und transdisziplinären Austausch über Disziplinen und Wissenschaftsgrenzen hinaus, zum Austausch mit Praktiker_innen aus der Bildungsarbeit und zur (gesellschafts)-politischen Diskussion. Wir freuen uns auf herausragende Keynotes z. B. von Sonia Livingstone.

 

Thema

Die Analyse von Lernverhalten kann sehr persönliche Informationen über Fähigkeiten, Intelligenz oder inhaltliche Interessen offenlegen. Die technischen Schlüssel für diesen Zugang sind „Interaktivität“ und „Personalisierung“ von Lernen und Bildung, wie beispielsweise durch gamifizierte e-Learning Smartphone Apps. Der Vorteil von interaktiven und dementsprechend auch sich anpassenden Systemen liegt darin, dass sie sich sehr genau auf die lernende Person/das Kind anpassen können und dabei individuelle Präferenzen und Kompetenzen berücksichtigen. Besonders IT-basierte Systeme können zur Verfeinerung der Individualisierung beitragen, Lernprozesse dokumentieren und helfen, die lernende Person „optimal“ zu fördern. Dabei bestehen Risiken, etwa wenn auf Grundlage von Profiling durch (teil-)automatisierte Entscheidungssysteme beispielsweise Bewertungen über die Persönlichkeit getroffen, Ressourcen verteilt oder Karrierewege ausgeschlossen werden. Eine wichtige Rolle spielen außerdem die technischen Infrastrukturen und Software-Lösungen und ihre Ausgestaltung. Aufgrund der besonderen (verletzlichen) Situation der lernenden Person und den oft asymmetrischen Machtstrukturen in (schulischen) Lernzusammenhängen stellen sich hier viele ethische Fragen. Es zeigt sich eine deutliche Spannung zwischen der besonderen Schutzwürdigkeit personenbezogener Daten von Kindern und Jugendlichen und der Nützlichkeit des daraus generierten Wissens für eine gute Förderung und Begleitung. Des Weiteren sind Stigmatisierungsvorgänge möglich, etwa dadurch, dass Informationen über Kinder auch bereits im Umfeld eines erweiterten Begriffs von Kriminalprävention genutzt werden können. Aber auch im Bereich der universitären und beruflichen Bildung sowie der Erwachsenenbildung ergeben sich Fragestellungen aus dem Spannungsfeld zwischen Berücksichtigung und Förderung der Individualität von Lernprozessen einerseits und der repressiven Wirkung von Beobachtung und Datenerfassung andererseits. Besonders relevant sind darüber hinaus die Folgen der Überwachung für die Schule als Lebens- und Erfahrungsraum, für das Vertrauen zwischen Lernenden und Lehrenden und insbesondere als demokratischen Lernort, in dem ein erzieherisches Ideal zur Hinführung zu Mündigkeit, gesellschaftlicher Verantwortung und Freiheit im Vordergrund steht. Aus diesem Themenspektrum ergibt sich eine Vielzahl von Fragestellungen und Forschungszielen, von denen nur eine kleine Auswahl der möglichen skizziert werden soll:

Probleme, Risiken und Nutzen – Welche Probleme ergeben sich für die Lernsituation (in einer „überwachten“ Umgebung)? Wie sind Programme zur Digitalisierung des Klassenzimmers unter diesen Aspekten zu bewerten? In welchem Umfang nutzen und schützen interaktive Lernprogramme personenbezogene Daten? Wie stark nehmen Nutzer_innen in diesem Umfeld eine Gefährdung von Privatheit überhaupt wahr und inwieweit ist eine Abwägung von Nutzen und Risiken zu beobachten?

  • Juristische Herausforderungen – Welche juristischen Herausforderungen stellen sich in diesem speziellen Umfeld? Welche Rolle spielt hier die UN-Kinderrechtskonvention? Wie können individualisierte Lernprogramme auf detaillierten Lernprofilen einzelner Nutzer_innen aufbauen und dabei die Missbrauchsrisiken solcher Lernprofile vermeiden? Wie sind die Lernprozesse der Lernprogramme zu gestalten, um Diskriminierung zu vermeiden? Welche Anwendungsszenarien fördern oder gefährden die freie Entfaltung der Persönlichkeit? Welche technischen und organisatorischen Maßnahmen sind notwendig, um die Rechte der betroffenen Personen zu schützen und die Prinzipien des Datenschutzrechts wie etwa Datensparsamkeit umzusetzen
  • Ökonomische Aspekte und technische Infrastruktur – Welche Rolle spielen ökonomische Aspekte hierbei, was passiert z. B. unter dem Aspekt der Private-Public-Partnerships zur Ausstattung mit Hard- und Software im Bildungsbereich oder wie können digitale Geschäftsmodelle privatheitswahrend gestaltet werden? Welche Rolle und Bedeutung haben die technischen Infrastrukturen und schnellen Innovationszyklen in diesem Bereich
  • Privatheit aus der Sicht von Heranwachsenden – Inwiefern verändern sich Konzepte von Kindheit durch Überwachung? Welche Arten von Privatheit können und wollen Kinder für sich in Anspruch nehmen? Was ist Privatsphäre aus Kindersicht? Wie unterscheiden sich möglicherweise Vorstellungen und Bedürfnisse von Kindern und Erwachsenen und wie werden Privatheitsinteressen intergenerationell verhandelt? Welche Normen bilden sich unter Heranwachsenden heraus in Bezug auf Privatheit, Medienkonsum, Selbstdarstellung und digitalem Self-Fashioning? Welche neuen Spaltungen entstehen zwischen Kindern unterschiedlicher Herkunft und Bildungskarriere in Fragen der Privatheit und des (mündigen) Umgangs mit digitalen Technologien?
  • Privatheit und Medienkompetenz – Darüber hinaus stellen sich nicht nur Fragen zur Bedeutung von Privatheit und Datenschutz im Bildungsbereich, auch die Bedeutung von Bildung und Medienkompetenz für Datenschutz, Privatheit und dem mündigen Umgang mit digitalen Technologien und Lebenswelten ist wichtig. Von vielen Seiten werden Bildung/Medienkompetenz als vielversprechendste Mittel zu verbessertem Datenschutz und Privatheit angesehen. Von anderer Seite werden derartige Konzepte wiederum im Hinblick auf eine Individualisierung gesellschaftlicher Schutzverantwortung kritisiert. Wie kann dieses Spannungsfeld angemessen adressiert werden? Wie können mögliche Konflikte zwischen Kalkülen der Datenökonomie und dem umfassenden gesellschaftlichen Bildungsauftrag von Schulen und anderen Bildungseinrichtungen vermieden oder gelöst werden? Wie können Bildungsangebote praktisch gestaltet werden, um nötige Medienkompetenzen effektiv zu vermitteln?
  • Praktische Erfahrungen – Welche Erfahrungen haben Praktiker_innen in der Bildungsarbeit in Schule, Hochschulen und anderen Umgebungen mit datenbasierten Lernanwendungen gemacht? Welche Probleme und Herausforderungen treten dabei auf?

Organisatorisches

Dieser Call for Papers richtet sich an Wissenschaftler_innen der technischen, geistes-, sozial- und ingenieurwissenschaftlichen Disziplinen, der Rechtswissenschaft, Soziologie, Psychologie, Philosophie, Politik-, Wirtschafts-, Medien- und Kommunikationswissenschaften. Wir freuen uns sowohl über empirische als auch theoretische Arbeiten, besonders begrüßt werden fachübergreifende Einreichungen. Für die Präsentation stehen 20 Minuten und für die Diskussion 10 Minuten zur Verfügung. Die Konferenzsprache ist vorrangig Deutsch, englischsprachige Beiträge sind möglich. Nach Absprache können den Vortragenden die Reisekosten sowie zwei Hotelübernachtungen erstattet werden.